{"id":227,"date":"2020-01-28T22:47:03","date_gmt":"2020-01-28T21:47:03","guid":{"rendered":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/?p=227"},"modified":"2020-02-15T21:54:08","modified_gmt":"2020-02-15T20:54:08","slug":"filmimpuls-zu-ustav-republike-hrvatske-the-constitution-2016","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/2020\/01\/28\/filmimpuls-zu-ustav-republike-hrvatske-the-constitution-2016\/","title":{"rendered":"filmimpuls. zu USTAV REPUBLIKE HRVATSKE (The Constitution, 2016)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Eine Filmeinf\u00fchrung von Natascha Herr<\/em> <em>(vorgetragen am 24.01.2020 im Rahmen der Mittelmeer-Filmtage in M\u00fcnchen)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong> USTAV REPUBLIKE HRVATSKE (The Constitution)<\/strong><br>Kroatien | Slowenien | GB | Tschechien 2016 | Regie: Rajko Grli\u0107 | 93 Min | Spielfilm  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Mein Vortrag soll mit ein paar Worten zum kroatischen Regisseur Rajko Grli\u0107 beginnen: Sein Film \u201eThe Melody Haunts My Reverie\u201c aus den 1980er-Jahren, der damals aufgrund seiner ideologiekritischen Inhalte zu politischer Entr\u00fcstung und Verboten gef\u00fchrt hat, wurde mehrfach als bester jugoslawischer Film aller Zeiten bezeichnet. Er kann auf eine lange, internationale und beeindruckende Karriere als Filmschaffender und -lehrender zur\u00fcckblicken. Seine Filme \u2013 also nicht nur \u201eThe Constitution\u201c \u2013 \u00a0wurden auf zahlreichen Filmfestivals gezeigt und mit ebenso vielen Preisen ausgezeichnet. Und trotzdem ist er in Deutschland weitgehend unbekannt geblieben. Nahezu keiner seiner elf Spielfilme wurde jemals Deutsch synchronisiert oder untertitelt und selbst die kleine, furchtbar banale Tatsache, dass es keinen deutschen Wikipedia-Artikel zu Grli\u0107 gibt, spricht in diesem Zusammenhang B\u00e4nde. <br><br>Aufgrund dieser Unbekanntheit des Regisseurs scheint es mir sinnvoll wie notwendig, ein wenig auf die Einfl\u00fcsse, die sich in seinem Stil niederschlagen und seine inhaltlichen wie thematischen Tendenzen einzugehen. Grli\u0107 wurde 1947 in Zagreb geboren und ist in Kroatien als Teil des kommunistischen Jugoslawiens aufgewachsen. Sp\u00e4ter hat er an der renommierten Akademie der musischen K\u00fcnste in Prag studiert, die vor allem in den 60ern viele bedeutsame Regisseure hervorgebracht hat und damals daf\u00fcr bekannt war, ihren Studenten einen \u201eunverstellten Blick auf gesellschaftliche Realit\u00e4ten zu erm\u00f6glichen\u201c. <br><br>Der rote Faden seiner fr\u00fchen Erfahrungen, die Pr\u00e4gung seiner filmischen Ausbildung l\u00e4sst sich in seinem ganzen Schaffen wiederfinden. Ein Merkmal des Prager Nachwirkens zeigt sich beispielsweise in Grli\u0107s unverkennbarem Talent daf\u00fcr, Komik in der Tragik von Politik und Alltag zu finden und seine Filme mit ironischen Elementen \u2013 also quasi einem Augenzwinkern an dieser oder jener Stelle \u2013 anzureichern, wie Sie auch im Anschluss in der Tragikom\u00f6die \u201eThe Constitution\u201c sehen werden. <br><br>Des Weiteren sind seine Filme \u2013 fast \u2013 alle h\u00f6chst politisch. Sie sind aber nicht in dem Sinne politisch, dass sie einlinige, offenkundige Proklamationen w\u00e4ren: Grli\u0107 sagt selbst \u00fcber das Medium Film, dass dieses nicht didaktisch, nicht belehrend sein oder politische Propaganda enthalten sollte, weil Filme Geschichten \u00fcber Menschen und <em>nicht<\/em> Ideen seien. Menschen bewegen sich aber zwangsl\u00e4ufig in bestimmten Kontexten, in bestimmten Umst\u00e4nden und <em>politischen Realit\u00e4ten<\/em> und diese m\u00fcssten dementsprechend ebenso filmisch abgebildet werden. <br><br>Politische Realit\u00e4t ist hier ein entscheidendes Schlagwort. Grli\u0107s Fokus liegt auf dem Individuum, auf den Erfahrungen ganz gew\u00f6hnlicher und au\u00dfergew\u00f6hnlicher Charaktere. Gleichzeitig ist er aber ein akribischer, ein scharfsinniger und kritischer Beobachter von Welt, Gesellschaft und politischer Stimmung, was sich auch in seinen Arbeiten im Bereich des Dokumentarfilms deutlich offenbart. In anderen Worten: Grli\u0107 hat keine Angst davor, hinzusehen und <em>das<\/em> f\u00fcr den Zuschauer abzubilden, <em>was<\/em> er sieht.<br><br>Mit diesem Bild des Regisseurs im Hinterkopf und der Wechselwirkung von abgebildeter politischer Realit\u00e4t und Individuum im Blick m\u00f6chte ich mich nun dem Film des heutigen Abends zuwenden. \u201eThe Constitution\u201c arbeitet mit einem sehr kleinen Ensemble an Charakteren, die sich gerade durch ihre Verschiedenheit auszeichnen und dennoch in der gleichen Stadt, Zagreb, und \u2013 noch schlimmer \u2013 im gleichen Wohnhaus leben. Vjeko wird gespielt von dem 2018 verstorbenen, bekannten<em> serbischen<\/em> Film- und Theaterschauspieler Neboj\u0161a Glogovac. Er ist ein Professor, durchaus wohlhabend, homosexuell, ein Transvestit und \u2013 kroatischer Nationalist. Oder, um seinen rechten Ansichten eher gerecht zu werden: ein Faschist. Des Weiteren lebt er mit seinem alten und pflegebed\u00fcrftigen Vater zusammen: Ein ehemaliges Mitglied der Ustascha, der faschistischen Bewegung, die w\u00e4hrend des zweiten Weltkriegs in Kroatien an die Macht gekommen ist und mit vielen antisemitischen und <em>antiserbischen <\/em>Gewalttaten in Verbindung gebracht wird.<br><br>Geradezu antithetisch steht Vjeko sein serbischer Nachbar gegen\u00fcber, gespielt von dem Kroaten Dejan A\u0107imovi\u0107 \u2013 allein in der Besetzung zeigen sich also schon die zuvor erw\u00e4hnten ironischen Untert\u00f6ne des Regisseurs. Ante ist <em>Serbe<\/em>, Polizist, weniger gebildet, nicht wohlhabend und lebt mit seiner Ehefrau Maja, einer Krankenschwester, zusammen. Eines Nachts wird Vjeko Opfer eines homophoben \u00dcbergriffs auf offener Stra\u00dfe und dieser Vorfall ist der Ausl\u00f6ser, der die vier Charaktere zusammenf\u00fchrt: Maja k\u00fcmmert sich im Krankenhaus um ihn und erkl\u00e4rt sich dazu bereit, ihn w\u00e4hrend des Genesungsprozesses h\u00e4uslich zu unterst\u00fctzen und die Pflege seines Vaters zu \u00fcbernehmen. Im Gegenzug soll Vjeko ihrem Mann Ante dabei helfen, f\u00fcr die Pr\u00fcfung zu lernen, der er sich f\u00fcr die weitere Aus\u00fcbung seines Berufes unterziehen muss. Das Kernthema dieser Pr\u00fcfung ist der Inhalt und der konkrete Wortlaut der kroatischen Verfassung. <br><br>Die Konstellation dieser vier Charaktere, ihre r\u00e4umliche und pers\u00f6nliche Zusammenf\u00fchrung bietet eine grandiose Grundlage f\u00fcr eine filmische Umsetzung \u2013 denn die Konflikte, die f\u00fcr einen narrativen Handlungsbogen von N\u00f6ten sind, sind ihnen bereits von Anfang an eingeschrieben. Die Feder hat hierbei neben Rajko Grli\u0107 der kroatische Journalist, Autor und Drehbuchschreiber Ante Tomi\u0107 gef\u00fchrt. Tomi\u0107 ist selbst bereits zweimal auf offener Stra\u00dfe beleidigt und angegriffen worden, beide Taten motiviert durch die politisch eher linke Ausrichtung seiner Texte.<br><br>Menschen bewegen sich in politischen Kontexten: wie sieht also die politische Realit\u00e4t, wie sieht das Kroatien, das uns der Regisseur und der Drehbuchschreiber, gepr\u00e4gt von ihren eigenen Erfahrungen, Weltsichten und Alltagsbeobachtungen, vor Augen f\u00fchren wollen, aus? Kroatien ist der j\u00fcngste Mitgliedsstaat der EU, in den 1990er-Jahren wurde nach dem Zerfall Jugoslawiens und eingebettet in blutigen Auseinandersetzungen die Landesunabh\u00e4ngigkeit ausgerufen und anerkannt. Unabh\u00e4ngigkeit. Der erste Abschnitt der Verfassung beginnt mit der Versicherung der \u201etausendj\u00e4hrigen nationalen Eigenst\u00e4ndigkeit und dem Fortbestehen des kroatischen Volkes durch die Gesamtheit historischer Ereignisse unter verschiedenen Staatsformen\u201c. <br><br>Der Gedanke einer Volkseinheit und der \u201etausendj\u00e4hrige Freiheitstraum\u201c scheinen die Dreh- und Angelpunkte zu sein, an welchen sich die Selbstkonstruktion einer kroatischen Landesidentit\u00e4t vollziehen. Sie stellen <em>eine <\/em>Lesart der Traumata des 20. Jahrhunderts dar, der gro\u00dfen Kriege, der zahlreichen Territorialverschiebungen, des Wechselspiels gegens\u00e4tzlicher politischer Systeme \u2013 und der Abh\u00e4ngigkeit. <br><br>Eine Lesart, die Gefahren birgt, da in ihr eine offensichtliche Grenze gezogen wird: wir, das geeinte Volk \u2013 und die Anderen. Obwohl die gleiche Verfassung Freiheit, Gleichheit, nationale Gleichberechtigung usw. als h\u00f6chste Werte der Verfassungsordnung betonen, kann diese Grenzziehung schnell zu einer Rechtfertigung f\u00fcr Ausgrenzung und Anfeindung fehlinterpretiert werden.<br><br>Genau an dieser Stelle setzt Grli\u0107s Film an: zum einen zeigt \u201eThe Constitution\u201c, dass die Wunden der politischen Vergangenheit noch immer in die Gesellschaft und das Gedankengut der Gegenwart bluten und das Alltagsleben formen. Zum anderen wird anhand von Vjekos Charakter, anhand seines inneren Ringens und seiner Frustration deutlich, dass eine extrem rechte Auslegung des Volksgedankens nicht nur furchtbare Auswirkungen auf die Ausgeschlossenen, sondern auch auf die in sie <em>Eingeschlossenen <\/em>hat. Diese Interpretation konstruiert n\u00e4mlich ein Volk, das in seinen Eigenschaften gleich sein muss \u2013 und zwar weit \u00fcber Fragen der <em>nationalen<\/em> Angeh\u00f6rigkeit hinaus. <br><br>Was passiert also mit einem Menschen, der den homogenen Anspr\u00fcchen seiner eigenen Ideologie nicht gerecht werden kann?<\/p>\n\n\n\n<p><br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen und weiterf\u00fchrende Literatur <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Verfassung der Republik Kroatien<\/em>. Entn. &lt;<a href=\"https:\/\/www.kas.de\/c\/document_library\/get_file?uuid=0ca1c9c9-c10d-766a-cfa5-2fc30970f72a&amp;groupId=273233\">https:\/\/www.kas.de\/c\/document_library\/get_file?uuid=0ca1c9c9-c10d-766a-cfa5-2fc30970f72a&amp;groupId=273233<\/a>&gt;, letzter Zugriff: 20.01.2020. <br><br>Pavlakovi\u0107, Vjeran \/ Paukovi\u0107, Davor [Hgg.]: <em>Framing the Nation and Collective Identities. Political Rituals and Cultural Memory of the Twentieth-Century Traumas in Croatia<\/em>. London [u.a.]: Routledge 2019. <br><br>Steindorff, Ludwig: <em>Kroatien. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart<\/em>. Regensburg: Friedrich Pustet 2001.<br><br>Vidan, Aida \/ Crnkovi\u0107, Gordana P.: \u201eA Conversation with Rajko Grli\u0107: Films Are Stories About People, Not About Ideas\u201d. In: Dies. [Hgg.]: <em>In Contrast: Croatian Film Today<\/em>. Zagreb: Berghahn Book [u.a.] 2012, S. 100 \u2013 115.<\/p>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Filmeinf\u00fchrung von Natascha Herr (vorgetragen am 24.01.2020 im Rahmen der Mittelmeer-Filmtage in M\u00fcnchen) USTAV REPUBLIKE HRVATSKE (The Constitution)Kroatien | Slowenien | GB | Tschechien 2016 | Regie: Rajko Grli\u0107 | 93 Min | Spielfilm Mein Vortrag soll mit ein paar Worten zum kroatischen Regisseur Rajko Grli\u0107 beginnen: Sein Film \u201eThe Melody Haunts My Reverie\u201c [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":16,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[16,17,18],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/227"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=227"}],"version-history":[{"count":11,"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":361,"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/227\/revisions\/361"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}