{"id":238,"date":"2020-01-29T11:16:11","date_gmt":"2020-01-29T10:16:11","guid":{"rendered":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/?p=238"},"modified":"2020-01-29T11:17:56","modified_gmt":"2020-01-29T10:17:56","slug":"filmimpuls-zu-la-mer-du-milieu-2019","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/2020\/01\/29\/filmimpuls-zu-la-mer-du-milieu-2019\/","title":{"rendered":"filmimpuls. zu LA MER DU MILIEU (2019)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Eine Filmeinf\u00fchrung von Paulina Kutschka (vorgetragen am 19.01.2020 im Rahmen der Mittelmeer-Filmtage in M\u00fcnchen) <\/em><\/p>\n\n\n\n<h4>LA MER DU MILIEU (Mittelmeer) <\/h4>\n\n\n\n<p>Frankreich 2019\u00a0|\u00a0Regie: Jean-Marc\u00a0Chapoulie\u00a0| Nathalie\u00a0Quintane\u00a0|\u00a073 Min.\u00a0| Dokumentarfilm<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Bei dem&nbsp;Dokumentarfilm&nbsp;LA MER DU MILIEU&nbsp;des franz\u00f6sischen Filmemachers Jean-Marc&nbsp;Chapoulie&nbsp;aus dem Jahr 2019&nbsp;handelt es&nbsp;sich um einen&nbsp;Found&nbsp;Footage&nbsp;Film, sprich der Filmemacher verwendet&nbsp;ausschlie\u00dflich&nbsp;Filmmaterial von online zug\u00e4nglichen&nbsp;Webcams und \u00dcberwachungskameras, welche an Badestr\u00e4nden, Uferpromenaden, H\u00e4fen und Hotelanlagen der Mittelmeerk\u00fcste installiert sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Assoziationen, welche viele bei dem Gedanken an die Aufzeichnungen von \u00dcberwachungskameras haben, sind wahrscheinlich eint\u00f6nige, ereignislose und sich schrecklich in die L\u00e4nge ziehende Filmaufnahmen. Stunde um Stunde zeichnen die Apparate die gleiche Umgebung auf: je nach beobachteten Standort mal mehr und mal weniger oft durch das Erscheinen und anschlie\u00dfende Verschwinden von Personen unterbrochen, was zumindest ein bisschen Abwechslung in die ansonsten oft bewegungsarmen Bilder bringt. Der Informationsgehalt der Bilder scheint ohne die Personen gering.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dialog aus dem Off zwischen dem Filmemacher und seinem Sohn, w\u00e4hrend sie sich gemeinsam die Aufnahmen einer \u00dcberwachungskamera anschauen, weist darauf hin, dass wir mit der Kamera als Instrument der \u00dcberwachung hoffen, etwas beobachten zu k\u00f6nnen, was uns normalerweise verborgen geblieben w\u00e4re \u2013 ein Verbrechen zum Beispiel oder eine andere Art Spektakel. Und vielleicht r\u00fchrt aus dieser Hoffnung auch die Faszination der Aufnahme \u2013 es k\u00f6nnte ja etwas passieren! F\u00fcr diesen Fall wurden die Kameras schlie\u00dflich installiert, oder?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Regisseur&nbsp;Chapoulie&nbsp;f\u00fcgt den Bildern der Kamera in seinem Film eine Informationsebene hinzu, die diese normalerweise nicht besitzen \u2013 Sound. Wir lernen viel aus den Ger\u00e4uschen \u2013 kleine Bewegungen, welche unseren wachsamen Augen eventuell entgangen w\u00e4ren, werden durch de auditive Wahrnehmung erst hervorgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Und trotzdem \u2013 die Bilder bleiben auch auf der Kinoleinwand, wie gewohnt, nur das zweidimensionale Abbild eines dreidimensionalen Raumes. Den Zweck hinter der \u00dcberwachung leiten wir uns oft aus der Vorstellung des W\u00e4chters ab, welcher angestrengt im dunklen Kontrollraum sitzt. Dort h\u00e4ngt ein Bildschirm neben dem anderen und auf jedem&nbsp;flimmert das \u00fcbertragene Bild einer stumm starrenden Kamera. Die Augen des W\u00e4chters warten wachsam auf eine Abweichung von der Norm, auf das Au\u00dfergew\u00f6hnliche. Das Licht im Kontrollraum ist wie hier im Kinoraum gedimmt, damit nichts das Auge ablenken k\u00f6nnte und der Blick nicht von den Bildschirmen weicht. Hinter diesem Prozess steckt die Hoffnung der Pr\u00e4vention von Gefahr sowie die M\u00f6glichkeit der Intervention bei Gefahr. Eine solcher Einsatz von \u00dcberwachungskameras ist nat\u00fcrlich mit hohem Personal- und Kostenaufwand verbunden. Damit sich dieser Aufwand rentiert, m\u00fcssen die R\u00e4ume, die f\u00fcr den Einsatz und die Installation von Kameras ausgew\u00e4hlt werden, also auch die R\u00e4ume sein, die als \u00fcberwachungsrelevant gelten \u2013 hier fallen uns wohl als prominenteste Beispiele Bahnhofshallen oder -vorpl\u00e4tze&nbsp;ein, die einen Ruf als gef\u00e4hrlicher Ort haben. Der Installation von \u00dcberwachungskameras an diesen als unsicher eingestuften Orten folgt die Exklusion bestimmter, unerw\u00fcnschter Personengruppen aus diesem \u2013 betont \u2013 \u00f6ffentlichen Raum. Gemeint ist, dass Personen, die von der Norm abweichen, aus dem von der Kamera erschlossenen Raum verdr\u00e4ngt werden. So wird die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung und damit auch die Kontrolle \u00fcber den \u00f6ffentlichen Raum sichergestellt. Das wiederum ist die Folge individueller Interessen, wie zum Beispiel denen von Einzelh\u00e4ndlern, R\u00e4ume attraktiv und vermeintlich sicher f\u00fcr Kunden oder Touristen zu gestalten und die Aufenthaltsqualit\u00e4t zu steigern.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich mit diesem unangenehmen Gedanken \u00fcber \u00dcberwachungskameras ausdr\u00fccken m\u00f6chte, ist, dass&nbsp;die M\u00f6glichkeit&nbsp;besteht&nbsp;durch das Instrument der \u00f6ffentlich installierten Kamera R\u00e4ume zu konstruieren.&nbsp;Wir erschaffen Grenzen, indem wir zwischen dem, was sich im Sichtfeld der Kamera befindet und dem&nbsp;was au\u00dferhalb dieses&nbsp;Sichtfelds&nbsp;liegt, unterscheiden.&nbsp;Diese R\u00e4ume k\u00f6nnen in der Folge sogar klassifiziert werden, zum Beispiel nach ihrem Grad der Sicherheit.&nbsp;Das hei\u00dft, vergleichbar mit der Einteilung unserer Erdoberfl\u00e4che in Regionen, Kommunen und L\u00e4nder, funktioniert auch eine geografische Aufteilung in R\u00e4ume durch permanente Bildaufzeichnung.&nbsp;\u00dcberwachung kann somit grunds\u00e4tzlich als Versuch der Orientierung gesehen werden. Gleich dem Prozess der Zeichnung einer Landkarte wird eine \u00dcbersicht \u00fcber Welt und Umwelt geschaffen. Die Installation von Kameras ist in diesem Sinne eine Kartierung unseres gesellschaftlichen Lebens und folgt dem Ziel,&nbsp;die Welt in bestimmte soziale, geografische und politische R\u00e4ume zu&nbsp;unterteilen.&nbsp;Dies steht auch ganz in der Tradition der Kartographie, denn Karten galten schon immer als ein bedeutendes Medium im Hinblick auf das Archivieren und Vermitteln geographischen Wissens.&nbsp;In der Geschichte lassen sich etliche Beispiele finden, in denen gute Karten auf politischer Ebene ein Instrument der Macht darstellen. So sind sie&nbsp;etwa essentiell f\u00fcr die Seefahrt und spielten eine gro\u00dfe Rolle in der Erschlie\u00dfung des&nbsp;Mediterran, sprich des Mittelmeerraumes,&nbsp;f\u00fcr Handelszwecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Wem also in meiner Argumentationskette aufgefallen ist, dass ich moderne \u00dcberwachungstechnologien, wie z.&nbsp;B.&nbsp;die&nbsp;biometrische Datenauswertung im Sinne der automatischen Gesichtserkennung etc., unerw\u00e4hnt gelassen habe,&nbsp;die&nbsp;das Problem des Personalaufwands&nbsp;relativieren w\u00fcrde, kann erkennen, dass es letztlich keinen Unterschied f\u00fcr die Einteilung, Ordnung und Klassifizierung unserer Erde in Bildr\u00e4ume macht, wer beobachtet.&nbsp;Diesen r\u00e4umlichen Informationsgehalt der Bilder finden wir auch im Material der im Netz freizug\u00e4nglichen Webcams und Kameras aus&nbsp;Chapoulies&nbsp;Film wieder \u2013 denn wir alle pr\u00fcfen doch gerne anhand der online Webcams das Wetter am Meer \u2013 oder in unsere Breitengraden wohl eher das Wetter am See \u2013 bevor wir uns entscheiden, zur Spritztour aufzubrechen und Live-Aufnahmen vom vier Sterne Hotel , bevor wir das All Inclusive Programm buchen, ist doch auch einfach extrem praktisch, oder? Wir w\u00fcnschen uns Information und Wissen \u00fcber unsere Erde und konstruieren dies durch die Bilder der \u00dcberwachung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Film er\u00f6ffnet gleichzeitig einen sprachlichen Zugang zu diesem Wissen.&nbsp;Chapoulie schafft ein poetisch anmutendes Mosaik aus Worten und Gespr\u00e4chen, die nicht nur das Beobachtbare reflektieren, sondern auch \u00fcber die Grenzen der Bilder hinweg das Leben um und auf dem Mittelmeer hinterfragen. Wir lauschen dem Dialog zwischen dem Filmemacher und seinem Sohn, zu denen sich noch die Stimme der franz\u00f6sischen Schriftstellerin Nathalie&nbsp;Quintane&nbsp;gesellt. Gemeinsam er\u00f6ffnen sie uns Betrachtungsm\u00f6glichkeiten auf einen Raum, dessen geographische&nbsp;Zusammengeh\u00f6rigkeit durch das Mittelmeer geschaffen wird und welcher folglich mit Vielfalt und Diversit\u00e4t angef\u00fcllt ist. Doch die Reise auf diesem Meer zeigt auch wie dieser Raum durch politische Grenzen, aber&nbsp;ebenso&nbsp;durch geographische Distanz&nbsp;gespalten wird.&nbsp;Ein&nbsp;\u00dcberbr\u00fccken dieser Grenzen wird durch das Meer in seiner Mitte noch erschwert.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Jean-Marc&nbsp;Chapoulie&nbsp;nun mit seinem Dokumentarfilm&nbsp;LA MER DU MILIEU gelingt, ist eine Kartierung der K\u00fcstenregionen des Mittelmeeres,&nbsp;eine Erschlie\u00dfung der Region \u00fcber die Aufzeichnung der Kameras im \u00f6ffentlichen Raum und damit&nbsp;eine Ann\u00e4herung an einen Raum, welcher verbindet und gleichzeitig trennt und&nbsp;somit schon per se voller Widerspr\u00fcche steckt.&nbsp;Ich lade Sie nun dazu ein, sich auf diesem Meer von Bildern und Worten treiben zu lassen und den mediterranen Raum in seinem eigenwilligen Wesen zu erkunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Filmeinf\u00fchrung von Paulina Kutschka (vorgetragen am 19.01.2020 im Rahmen der Mittelmeer-Filmtage in M\u00fcnchen) LA MER DU MILIEU (Mittelmeer) Frankreich 2019\u00a0|\u00a0Regie: Jean-Marc\u00a0Chapoulie\u00a0| Nathalie\u00a0Quintane\u00a0|\u00a073 Min.\u00a0| Dokumentarfilm Bei dem&nbsp;Dokumentarfilm&nbsp;LA MER DU MILIEU&nbsp;des franz\u00f6sischen Filmemachers Jean-Marc&nbsp;Chapoulie&nbsp;aus dem Jahr 2019&nbsp;handelt es&nbsp;sich um einen&nbsp;Found&nbsp;Footage&nbsp;Film, sprich der Filmemacher verwendet&nbsp;ausschlie\u00dflich&nbsp;Filmmaterial von online zug\u00e4nglichen&nbsp;Webcams und \u00dcberwachungskameras, welche an Badestr\u00e4nden, Uferpromenaden, H\u00e4fen und Hotelanlagen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/238"}],"collection":[{"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=238"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/238\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":244,"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/238\/revisions\/244"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=238"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=238"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=238"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}