{"id":246,"date":"2020-01-29T23:39:07","date_gmt":"2020-01-29T22:39:07","guid":{"rendered":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/?p=246"},"modified":"2020-01-29T23:40:44","modified_gmt":"2020-01-29T22:40:44","slug":"filmimpuls-zu-selfie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/2020\/01\/29\/filmimpuls-zu-selfie\/","title":{"rendered":"filmimpuls. zu SELFIE (2019)"},"content":{"rendered":"\n<p> <\/p>\n\n\n\n<p><em>Eine Filmeinf\u00fchrung von Ruth Konrad (vorgetragen am 22.01.2020 im Rahmen der Mittelmeer-Filmtage in M\u00fcnchen) <\/em><\/p>\n\n\n\n<h4>SELFIE <\/h4>\n\n\n\n<p>Italien, Frankreich | 2019 | Regie: Agostino Ferrente | 77. Min | OmeU |  Dokumentarfilm<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Agostino Ferrentes k\u00fcnstlerischer Dokumentarfilm \u201eSelfie\u201c gibt einen Einblick in das Leben der beiden 16-J\u00e4hrigen Pietro und Alessandro. Beide haben die Schule abgebrochen und versuchen jetzt einen Job zu finden. Sie leben in Traiano, einem Bezirk von Neapel. In ihrem Viertel ist der Einfluss der Camorra an allen Ecken und Enden deutlich zu sp\u00fcren. Dazu kommt, dass der tragische Tod des 16-J\u00e4hrigen Davide Bifolco im September 2014 deutliche Spuren in den Gem\u00fctern der Bewohner des Viertels hinterlassen hat. Der Jugendliche wurde von einem Carabiniere erschossen, offiziell ein Unfall. &nbsp;Die Aufnahmen f\u00fcr den Film entstanden 2017 und sind der Versuch des Regisseurs das Milieu nachzuzeichnen, aus dem der junge Davide stammte. Die beiden jungen M\u00e4nner, Pietro und Alessandro, sind Davide nicht un\u00e4hnlich, kannten ihn und sind wie er seinerseits auf der Suche nach einem Platz f\u00fcr sich in einer Welt in der die Zukunft vor allem Gewalt und Kriminalit\u00e4t verspricht. Dabei hat der Titel \u201eSelfie\u201c eine ganz besondere Bedeutung f\u00fcr die Machart und Wirkung des Films.<\/p>\n\n\n\n<p>Anstatt n\u00e4mlich, wie in den allermeisten Filmen und auch\nDokumentarfilmen \u00fcblich, mit einem Kamerateam seine Protagonisten zu begleiten\noder in einem Interviewszenario aufzunehmen, hat Ferrente seinen zwei\njugendlichen Protagonisten, selbst die Kamera \u2013 n\u00e4mlich ein Smartphone \u2013 zur Hand\ngegeben. So wurden sie selbst zu Regisseuren und haben eine Art Mitspracherecht\nbekommen, wie ihr eigenes Leben aufgenommen und dokumentiert wird. Wichtig war dem\nFilmemacher dabei, dass Pietro und Alessandro nicht nur selbst filmen, sondern\nauch selbst im Bild zu sehen sind. Also ihr Leben selbst aus der\nSelfie-Perspektive aufnehmen. Im Ergebnis wurde f\u00fcr den fertigen Film, fast\nausschlie\u00dflich diese besondere Kameraeinstellung eingesetzt. Unterbrochen wird\ndiese Perspektive stellenweise nur von Aufnahmen von \u00dcberwachungskameras aus\ndem Viertel, in dem die beiden leben und einigen Aufnahmen von weiteren\nJugendlichen der Gegend, die von ihrem Leben erz\u00e4hlen; hier allerdings wird der\nSelfie-Modus beibehalten. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist f\u00fcr mich als Filmwissenschaftlerin nat\u00fcrlich\ninteressant, dass hier diese besondere Einstellung so dominant eingesetzt wird.\nEs l\u00e4sst sich also folgende Fragestellung entwickeln: Warum wurde die\nSelfie-Perspektive gew\u00e4hlt? Was will der Regisseur damit ausdr\u00fccken bzw. welche\nbesondere Wirkung wird durch den Selfie-Modus erzielt?<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr kurz ein paar Hintergrundinformation: Der Begriff\nSelfie ist die Verk\u00fcrzung des englischen \u201eself-portrait\u201c und wurde 2002 zum\nersten Mal mit seiner heutigen Bedeutung in einem australischen Internetforum\nverwendet. Infolgedessen breitete sich der Begriff \u201eSelfie\u201c rasant in der\nenglischsprachigen Welt aus und wurde auch in viele andere Sprachen \u00fcbernommen,\nzum Beispiel Deutsch und Italienisch. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Selfie bezeichnet allgemein ein Foto, das von der\nabgebildeten Person selbst aufgenommen wurde, typischerweise mit einem\nSmartphone. Charakteristisch f\u00fcr ein Selfie ist au\u00dferdem der Blick des oder der\nSelfiefotograf\/-in entweder direkt in die Kamera oder leicht daneben, bzw. darunter,\nn\u00e4mlich auf den Smartphone-Bildschirm, in dem der- oder diejenige sich selbst\nsehen kann und so gegebenenfalls die Pose oder Kamerawinkel nach Belieben\nnochmals beeinflussen kann. Im Unterschied zu einem normalen Bild, in dem ein\nFotograf ein Foto von einem Motiv aufnimmt, sehen wir auf einem Selfie gleich\nden ganzen Prozess abgebildet. Der Fotograf eines Selfies ist gleichzeitig das\nMotiv des Selfies. Im Film sind einige solche Momente zu sehen, in denen Pietro\nund Alessandro gezeigt werden, wie sie sich selbst in der Aufnahme betrachten\nund dann Kamerawinkel oder Pose nochmal anpassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Selfies sind historisch betrachtet ein sehr junges, also zeitgen\u00f6ssisches\nPh\u00e4nomen. &nbsp;Seit der Einf\u00fchrung von Frontkameras\nin Smartphones und insbesondere seit unser soziales Leben immer weiter von\nvirtuellen sozialen Netzwerken durchdrungen wird, ist der Bildtyp Selfie ein\nbeliebtes Mittel der Selbstdarstellung geworden. Auf Instagram zum Beispiel\nlassen sich unter dem Hashtag #selfie \u00fcber 410 Millionen Selbstbildnisse\nfinden. Selfies geh\u00f6ren insbesondere f\u00fcr Jugendliche zum Alltag dazu. <\/p>\n\n\n\n<p>Es l\u00e4sst sich daher eine erste These aufstellen, dass der\nRegisseur bewusst diese Kameraeinstellung ausgew\u00e4hlt hat, um mit der\nSelfie-Perspektive moderne Kommunikationsmethoden nachzuempfinden, um den\nJugendlichen eine M\u00f6glichkeit zu geben, sich in einer Weise auszudr\u00fccken, die\nf\u00fcr sie in den sozialen Medien allt\u00e4glich ist. Der Selfie-Modus macht Pietro\nund Alessandro dabei fast schon zu Co-Regisseuren, das wird besonders dann\ndeutlich, wenn sie im Film selbst dar\u00fcber diskutieren welche Szenen sie zeigen\nwollen und welche sie vielleicht lieber nicht aufnehmen wollen. Alessandro\ninsbesondere ist es wichtig ein positives Bild von ihrem Leben zu portr\u00e4tieren.\nIn diesen Szenen wird deutlich, wie wichtig es Ferrente war, Alessandro und\nPietro ein gewisses Ma\u00df an Kontrolle \u00fcber ihr eigenes Narrativ zu geben. <\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso interessant ist, dass das Selfie zwar eine Erfindung des 21. Jahrhunderts sein mag, jedoch das Selbst-portr\u00e4t, und nichts anderes ist ein Selfie ja \u2013 schlie\u00dflich ist schon der Name die Verk\u00fcrzung des englischen <em>self-portrait<\/em> \u2013 blickt auf eine wesentlich l\u00e4ngere Tradition in der Kunstgeschichte zur\u00fcck. Ab der fr\u00fchen Renaissance in der zweiten H\u00e4lfte des 15. Jahrhunderts k\u00f6nnen einige Maler\/-innen in ihren eigenen Gem\u00e4lden identifiziert werden, die sich also selbst in ihren Gem\u00e4lden verewigt haben. Albrecht D\u00fcrrer beispielsweise ist bekannt f\u00fcr seine Selbstportr\u00e4ts aus dieser Zeit, sp\u00e4ter experimentierten beispielsweise auch Vincent Van Gogh, Andy Warhol und Frida Kahlo mit der Form des Selbst-Portr\u00e4tierens. <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Self-portrait_by_Albrecht_D%C3%BCrer.jpg#\/media\/Datei:Self-portrait_by_Albrecht_D\u00fcrer.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/1\/1d\/Self-portrait_by_Albrecht_D%C3%BCrer.jpg\" alt=\"Self-portrait by Albrecht D\u00fcrer.jpg\" width=\"528\" height=\"720\"><\/a><br>Von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/de:Albrecht_D%C3%BCrer\" class=\"extiw\" title=\"w:de:Albrecht D\u00fcrer\">Albrecht D\u00fcrer<\/a> &#8211; Fig 36 from Self Portrait: Renaissance to Contemporary (Anthony Bond, Joanna Woodall, <a href=\"\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Special:BookSources\/978-1855143579\" title=\"Special:BookSources\/978-1855143579\">ISBN 978-1855143579<\/a>)., Gemeinfrei, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=11862035\">Link<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Der Vergleich eines gemalten Selbstportr\u00e4ts und eines\nSelfies lenkt den Blick zun\u00e4chst vor allem auf die Unterschiede. Augenscheinlich\ngibt es gro\u00dfe Differenzen was den Produktionsprozess, das Medium selbst und\ntypische Komposition anbelangt. In der Produktion eines gemalten Selbstportr\u00e4ts\nsteckt beispielsweise ein viel gr\u00f6\u00dferer zeitlicher und finanzieller Aufwand. Die\nProduktion eines Selfies dagegen ist eine Sache von wenigen Sekunden, die bei\ngen\u00fcgend Speicherplatz auf dem Aufnahmeger\u00e4t auch quasi beliebig oft wiederholt\nwerden kann. W\u00e4hrend Van Gogh beispielsweise in seinem Oeuvre eine erstaunlich\ngro\u00dfe Anzahl von 43 Selbstportr\u00e4ts z\u00e4hlt, kann es gut sein, dass besonders\nmotivierte Selfie-Fotographen\/-innen eine so gro\u00dfe Anzahl an Selbstbildnissen\nan einem einzigen Tag schie\u00dfen. Au\u00dferdem, wer selbst schon mal ein Selfie\naufgenommen hat, wei\u00df vielleicht, dass es h\u00e4ufig eben gerade nicht bei einem\nsingul\u00e4rer Schnappschuss bleibt, sondern ein Selfie das Ergebnis vieler in\nkurzer Abfolge hintereinander aufgenommener Bilder ist, aus denen dann das\nAttraktivste herausgesucht wird. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem lassen sich auch Gemeinsamkeiten finden. Das\nSelbstportr\u00e4t in der Malerei bietet sich f\u00fcr die Selbstinszenierung ebenso an\nwie das Selfie. Wenn auch viel aufw\u00e4ndiger in der Produktion, ist das\nSelbstportr\u00e4t f\u00fcr einen oder eine Maler\/-in die Gelegenheit sich selbst im\nbesten Licht zu pr\u00e4sentieren oder besondere Ereignisse wie den eigenen Status\nfestzuhalten. Ebenso ist auch das Aufnehmen eines Selfies heutzutage h\u00e4ufig\ndavon motiviert, einen bestimmten Moment, wie etwa eine Urlaubsreise, zu\ndokumentieren oder eine Errungenschaft, wie beispielsweise den Waschbrettbauch\noder den Studienabschluss, festzuhalten. <\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl also Selfies viel h\u00e4ufiger und zu viel\nallt\u00e4glicheren Gelegenheiten aufgenommen werden, dr\u00fccken sich darin trotzdem\n\u00e4hnliche Motivationen wie in den Selbstportr\u00e4ts aus der Malerei aus. Sie sagen\netwas \u00fcber den oder die Sch\u00f6pfer\/-in des Selbstbildnisses aus, aber vermitteln\nauch etwas \u00fcber Menschen im Allgemeinen. Es wird deutlich, dass es ein\ngrundlegendes menschliches Verlangen zu geben scheint, einen bestimmten Moment\nfesthalten zu wollen, das eigene Leben, die eigene Pers\u00f6nlichkeit und die\n\u00e4u\u00dfere Erscheinung dokumentieren zu wollen. Den Wunsch die aktuelle Situation,\nStimmung oder Gef\u00fchle einzufangen, um so die eigenen Erfahrungen mit anderen\nMenschen zu teilen. Insbesondere der direkte Blick des Selbstbildnisses auf den\noder die Betrachter\/-in l\u00e4dt zur Empathie ein. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Selfie-Perspektive in Ferrentes Film hat mit Blick\nauf die Tradition des Selbstportr\u00e4ts einen \u00e4hnlichen Effekt. Alessandro und\nPietro, als Jugendliche aus Neapel, sind es gewohnt in der medialen\nBerichterstattung auf schwarz-wei\u00df gezeichnete Stereotype reduziert zu werden.\nW\u00e4hrend Gewalt und Kriminalit\u00e4t zwar in ihrem Umfeld stark zu sp\u00fcren sind, hat\ndas Leben der beiden Jugendlichen doch so viel mehr Schattierungen. Ferrentes\nFilm und insbesondere die Selfie-Einstellung gibt ihnen die M\u00f6glichkeit die\ng\u00e4ngigen Klischees zu \u00fcberwinden, indem sie selbst die Erz\u00e4hlerposition\neinnehmen. Wir sehen wie z\u00e4rtlich die beiden miteinander umgehen k\u00f6nnen und\nwelche allt\u00e4glichen Sorgen sie plagen. Der Film gibt ihnen so eine Plattform\nund eine selbstbestimmte Ausdrucksweise, die ihnen in den \u00fcblichen medialen\nStrukturen nur selten zugestanden wird. <\/p>\n\n\n\n<p> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Agostino Ferrentes k\u00fcnstlerischer Dokumentarfilm \u201eSelfie\u201c gibt einen Einblick in das Leben der beiden 16-J\u00e4hrigen Pietro und Alessandro. Beide haben die Schule abgebrochen und versuchen jetzt einen Job zu finden. Sie leben in Traiano, einem Bezirk von Neapel. 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