{"id":256,"date":"2020-01-31T22:09:00","date_gmt":"2020-01-31T21:09:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/?p=256"},"modified":"2020-02-01T02:48:21","modified_gmt":"2020-02-01T01:48:21","slug":"zwischen-be-und-entgrenzung-das-paradox-mittelmeerraum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/2020\/01\/31\/zwischen-be-und-entgrenzung-das-paradox-mittelmeerraum\/","title":{"rendered":"Zwischen Be- und Entgrenzung. Das Paradox Mittelmeer(raum)"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von<\/em> <em>Patryk Maciejewski (vorgetragen am 25.01.2020 als Teil des Workshops \u201eEin fl\u00fcssiger Kontinent? M\u00e9diteran\u00e9e zwischen Fiktion und Realit\u00e4t. Panel 2: Das Mediterraneum als Grenz- und Kulturraum\u201c) <\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Das Mittelmeer galt schon zu antiken Zeiten als Ort des Transfers von Ideen, G\u00fctern und Kulturen. Es war nicht nur Schauplatz der ersten, mediterranen Globalisierung, sondern schon immer auch Ort massiver Migrations- und Kolonisationsbewegungen. Ob Ph\u00f6nizier, Etrusker oder R\u00f6mer, ob Ragusa oder Venedig: Das Mittelmeer floss, w\u00f6rtlich und metaphorisch. Dieser Auffassung vom M\u00e9diterran\u00e9e als Transferraum steht unsere heute Vorstellung vom Grenzgebiet Mittelmeer, als das Trennende, das Fremd- und Andersartigkeit Erschaffende, entgegen. Beispiele hierf\u00fcr finden sich nicht nur im aktuellen Fl\u00fcchtlingsdiskurs. An kaum einem anderen Ort sp\u00fcrt man die Auswirkungen des Nord-S\u00fcd-Konfliktes mehr als am Mittelmeer. Hier stellt sich die Frage: Wie kann ein Raum als trennende Grenzlinie und gleichzeitig als Ort des Austausches verstanden werden?<br><br>Bevor wir uns diesem Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Be- und Entgrenzung widmen, m\u00fcssen wir zun\u00e4chst die beiden Raumkonzeptionen gesondert untersuchen und ihre historische Herkunft in Betrachtung nehmen. Zu diesen Zwecken werden wir auf das Medium Karte zur\u00fcckgreifen, das, insbesondere in Zeiten der vormodernen Kartographie, Informationen \u00fcber das Weltbild und die Denktradition einer Epoche liefern kann. Anhand von ausgew\u00e4hlten Karten werden wir die historische Ver\u00e4nderung und Entwicklung der Mittelmeerimaginationen nachverfolgen und versuchen, das dichte semantische Netz aus arbitr\u00e4ren Grenzsetzungen, ethnischer Vielfalt und kulturellem Austausch besser nachzuvollziehen.<br><br>Gehen wir zun\u00e4chst einen Schritt zur\u00fcck und fangen bei der Bezeichnung dieses Gew\u00e4ssers an. Diese suggeriert bereits eine gewisse r\u00e4umliche Ordnung: Mediterraneum, Mittelhavet, Morze \u015ar\u00f3dziemne. Die Vielfalt ist gro\u00df, doch zumindest scheinen sich die europ\u00e4ischen Sprachen in einer Sache einig zu sein: In den 24 Amtssprachen der EU besteht die Bezeichnung f\u00fcr dieses Gew\u00e4sser stehts aus zwei Teilen: \u201aMitte\u2018 oder \u201azwischen\u2018 und \u201aLand\u2018 bzw. \u201aErde\u2018. Das Meer in der Mitte bzw. das Zwischenmeer. Doch welche Mitte ist hier gemeint? Zwischen welchen Polen befindet sich dieses Gew\u00e4sser? Zwischen Europa und Afrika? Um das herauszufinden, m\u00fcssen wir zu den Anf\u00e4ngen der westlichen Kultur blicken. Die gemeinsamen Wurzeln dieses Hydronyms gehen n\u00e4mlich auf die griechische Bezeichnung ***<em>mesogaios<\/em> zur\u00fcck, das, wie erw\u00e4hnt, \u201ein der Mitte des Landes bzw. der Landmasse\u201c oder \u201amittell\u00e4ndisch\u2018 bzw. \u201abinnenl\u00e4ndisch\u2018 im Gegensatz zu \u201amaritim\u2018 bedeutet. Nun ergeben sich hier zwei Interpretationsm\u00f6glichkeiten: Einerseits das binnenl\u00e4ndische Meer, im Gegensatz zu einem \u201eau\u00dferl\u00e4ndischen Meer\u201c, einem au\u00dferhalb der Landmasse liegendem Meer; andererseits das Meer in der Mitte des (Fest-)Landes bzw. der Erde. Beide Deutungen f\u00fchren uns zur ersten, f\u00fcr die westliche Kultur relevanten Raumkonzeption des Mediterraneums, und zwar dem Weltbild der griechischen Polis.<br><br>Zun\u00e4chst bestimmen wir, welches au\u00dferhalb der Landmassen liegende Meer hier gemeint ist. Eine Erkl\u00e4rung hierf\u00fcr finden wir im 18. Gesang der Illias. Nach dem Tod des Patroklos und dem darauffolgenden Beschluss Achills, Hektor zu t\u00f6ten, bittet er seine Mutter Thetis, neue Waffen von Hephaistos zu beschaffen. Dieser beginnt unverz\u00fcglich ein neues Schild herzustellen, das wie folgt beschrieben wird:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201eErst nun formt' er den Schild, den ungeheuren und starken,<br>Ganz ausschm\u00fcckend mit Kunst. Ihn umzog er mit schimmerndem Rande,<br>Dreifach und blank, und f\u00fcgte das silberne sch\u00f6ne Gehenk an.<br>Aus f\u00fcnf Schichten gedr\u00e4ngt war der Schild selbst; oben darauf nun<br>Bildet' er mancherlei Kunst mit erfindungsreichem Verstande.<br>Drauf nun schuf er die Erd', und das wogende Meer, und den Himmel,<br>Auch den vollen Mond, und die rastlos laufende Sonne; [\u2026]\u201c<br>(Hom. Il. 18, 478\u2013484)<\/pre>\n\n\n\n<p>Einige Verse weiter hei\u00dft es:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201eAuch die Gewalt des Stromes Okeanos bildet' er ringsum<br>Str\u00f6mend am \u00e4u\u00dfersten Rand des sch\u00f6nvollendeten Schildes.\u201c <br>(Ebd. 607\u2013608)<\/pre>\n\n\n\n<p> Diese Passage, l\u00e4sst sich einerseits als Ekphrase, eine bildhafte Beschreibung eines Gegenstandes lesen (vgl. Abb. 1), andererseits fungiert es als Analogie f\u00fcr den gesamten Kosmos bzw. \u201ezeigt [\u2026] im Kleinen, was die Welt [\u2026] im Gro\u00dfen ist.\u201c (Schadewaldt 1938: S. 368) Schon in den ersten Worten umspannt die Beschreibung die ganze bekannte Welt: Erde, Himmel und Meer. Betrachten wir die Karte des vorsokratischen Gelehrten und ersten historisch fassbaren griechischen Kartographen Anaximander aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., wird klar, dass diese Darstellung durchaus w\u00f6rtlich zu verstehen ist, denn die bewohnte Welt, beziehungsweise die Oikumene, \u00e4hnelte in der Vorstellung der Griechen einer kugelf\u00f6rmigen Insel (vgl. Abb. 2). Diese wurde, wie Homer erkl\u00e4rt, von einem riesigen Wasserstrom, dem Oceanos, umflossen. In der Mitte der Erdscheibe hingegen befand sich, nomen est omen: das Mittelmeer. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/part2b.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-268\" width=\"305\" height=\"325\"\/><figcaption>Abbildung 1: Der Schild des Achills (moderne Nachbildung)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/pat1-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-263\" width=\"320\" height=\"318\"\/><figcaption>Abbildung 2: Die Weltkarte des Anaximander<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Nun haben wir die etymologische Herkunft des Begriffes und die diesem zugrundeliegende Weltvorstellung nachvollzogen, doch welche Rolle spielte dieses Gew\u00e4sser f\u00fcr die Griechen und wo verorteten sie sich in dieser Welt? Einem Mythos zufolge entsandte Zeus zwei Adler, einem vom \u00f6stlichen und einem vom westlichen Weltenrand, um den Mittelpunkt der Erde zu bestimmen. Die beiden Adler trafen sich in Delphi, wo bis heute der <em>Omphalos<\/em>-Stein wortw\u00f6rtlich den Nabel der Welt markiert (Roscher 1974: S. 54\u201355).<br><br>Die Tatsache, dass der Mittelpunkt der Welt nicht nur im griechischen Kulturraum, sondern bei einem der wichtigsten Heiligt\u00fcmer der Hellenen, n\u00e4mlich dem Tempel des Apollon, lag, gibt Aufschluss \u00fcber die r\u00e4umliche Ordnung der \u00d6kumene. Um die Schildanalogie weiterzuverwenden, erkennt man hier deutlich eine Unterscheidung zwischen dem Zentrum, dargestellt durch den Mittelpunkt des Schilds, und der Peripherie, die schlie\u00dflich mit dem Rand des Schilds, dem Okeanosstrom, endet. Diese Unterscheidung war f\u00fcr die Griechen essenziell, ja bedeutungs- und identit\u00e4tsstiftend. Je weiter man sich vom Zentrum wegbewegte, desto unzivilisierter und barbarischer wurde die Umgebung. An den R\u00e4ndern der Welt lebten die Hundsk\u00f6pfigen, Zyklopen, Mundlosen und andere Wunderv\u00f6lker, dort nahm das Fremde und Unsittliche die \u00dcberhand.<br><br>Auch die zentrale Lage des Mittelmeers verweist auf die enorme Bedeutung dieses Gew\u00e4ssers f\u00fcr die griechische Hochkultur. Es war f\u00fcr sie keine Grenze, sondern im Gegenteil, ein grenzenloser Raum mit potenziell unendlicher Mobilit\u00e4t. F\u00fcr die griechischen Stadtstaaten, die h\u00e4ufig in kargen und gebirgigen Orten lagen, war der Seeweg die sicherste und effizienteste Route. Dies f\u00fchrte nicht nur zu extensivem Seehandel, sowohl unter den Stadtstaaten als auch mit den Persern und den Ph\u00f6niziern, sondern auch zur griechischen Kolonialisierung des Mittelmeerraums. Die im st\u00e4ndigen Austausch stehenden Stadtstaaten der griechischen Halbinsel vereinten ihre Kr\u00e4fte im attischen Seebund, was schlie\u00dflich den N\u00e4hrboden f\u00fcr die Entstehung der Demokratie legte.<br><br>Die Hypermobilit\u00e4t, die das Mittelmeer bot, besa\u00df jedoch durchaus Nachteile. So erscheint es zun\u00e4chst widerspr\u00fcchlich, dass der Raum, in dem ein friedlicher, kooperativer Stadtstaatenbund, samt Mitspracherecht der B\u00fcrger entstand, gleichzeitig ein Ort der exzessiven Gewalt und milit\u00e4rischer Machtk\u00e4mpfe sein kann. Es ist jedoch nicht wunderlich, wenn man bedenkt, dass die Anf\u00e4nge der europ\u00e4ischen Literatur in der Beschreibung einer milit\u00e4rischen Auseinandersetzung liegen, genauer in der bereits erw\u00e4hnten Ilias. Historisch gesehen war das Mediterraneum schon immer ein Ort des Konfliktes. Selbst zu Anfangszeiten der Demokratie fand sich der attische Seebund in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit dem Perserreich sowie sp\u00e4ter mit dem Peloponnesischem Seebund. Vielleicht sind genau dieses Konfliktpotenzial und der damit verbundene Wunsch, Einheit und Klarheit zu schaffen, zusammen mit intensivem Handel und Kulturaustausch die treibenden Faktoren f\u00fcr die Entstehung der Demokratie gewesen.<br><br>Nun haben wir die historischen und kulturellen Hintergr\u00fcnde der Denktradition des \u201eEntgrenzten Mittelmeers\u201c nachvollzogen. Nat\u00fcrlich lassen sich auch andere Beispiele anf\u00fchren, die griechische Kultur dient uns hier emblematisch als Beispiel einer kulturellen Imagination, die die Grenzenlosigkeit des Mittelmeers betonte. Dieses Gedankengut wurde schlie\u00dflich an ein Volk weitergegeben, dass ebenso wie die Griechen und Ph\u00f6nizier von der Hypermobilit\u00e4t des Mittelmeers profitierte, n\u00e4mlich die Etrusker und schlie\u00dflich die R\u00f6mer. Das R\u00f6mische Reich ist gewisserma\u00dfen eine Weiterf\u00fchrung und Perfektionierung des mediterranen Potenzials. Zu seiner gr\u00f6\u00dften Ausbreitung lag das Mittelmeer hier wortw\u00f6rtlich in der Mitte des Reiches weshalb es auch <em>mare nostrum<\/em> genannt wurde. Seine wirtschaftliche Macht hatte das R\u00f6mische Reich zum gro\u00dfen Teil dem mediterranen Handel und der mediterranen Mobilit\u00e4t zu verdanken. Einen besonderen Stellenwert im r\u00f6mischen Reich hatte die Provinz <em>Aegyptus<\/em>, nicht zuletzt wegen der hohen Fruchtbarkeit der Erde. Gleichzeitig erm\u00f6glichte der Zugang zum Roten Meer eine direkte Verbindung zum Gew\u00fcrzhandel, der haupts\u00e4chlich am Indischen Ozean stattfand (vgl. McLaughlin 2014: S. 1\u201322). Im Westen erschlossen die r\u00f6mischen Expansionsbestrebungen, vor allem in Gallien, zus\u00e4tzlich weite Teile Europas und ver\u00e4nderten ein weiteres Mal das Verst\u00e4ndnis der \u00d6kumene.<br><br>Der Bruch mit dieser Raumkonzeption und somit die Entstehung des neuen Paradigmas l\u00e4sst sich an der Epochengrenze zwischen Antike und Mittelalter verorten. Betrachten wir eine Karte des spanischen Gelehrten Isidor von Sevilla, so erkennen wir deutliche Br\u00fcche und Ver\u00e4nderungen aber auch einige Gemeinsamkeiten mit \u00e4lteren geographischen Konzepten (vgl. Abb. 3). So wird das Motiv der Radkarte, sprich der runden Darstellung der Erdscheibe, wie sie bei Anaximander zu finden ist, \u00fcbernommen, diese stellt hier jedoch die obere H\u00e4lfte bzw. Hemisph\u00e4re des Erdballs dar. Der deutlichste Unterschied ist in der Darstellung des Mittelmeers zu sehen: War in griechischer und r\u00f6mischer Vorstellung das Mediterraneum noch ein zentraler Teil der Identit\u00e4t und bindender Raum f\u00fcr griechische Stadtstaaten und r\u00f6mische Provinzen, ist das Mittelmeer hier als klare Grenze zwischen Europa, Asien und Afrika erkennbar. Sie fungiert hier unter dem Namen <em>mare magnum<\/em> als Trennlinie zwischen Europa und Afrika. Die Grenze zwischen Afrika und Asien bildete dem isidorischen Verst\u00e4ndnis nach der Nil, die zwischen Europa und Asien der <em>Tanais<\/em>, der heute unter dem Namen Don bekannt ist. Wegen ihrer charakteristischen Form werden diese Karten h\u00e4ufig TO-Karten genannt: das \u201aT\u2018 repr\u00e4sentiert hierbei die drei Kontinentalgrenzen und das \u201aO\u2018 die runde Form der Karte.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/512px-T_and_O_map_Guntherus_Ziner_1472klein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-272\" width=\"342\" height=\"342\"\/><figcaption>Abbildung 3: Radkarte aus Isidor von Sevillas <em>Etymologiae<\/em>, Erstdruck G\u00fcnther Zainer, 1472 <\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Suchen wir nach dem Mittelpunkt dieser Erdscheibe, entdecken wir eine weitere grundlegende Ver\u00e4nderung: Dieser ist nicht mehr im zentralmediterranen Raum zu finden, sondern im Osten, genauer in Jerusalem. Die Christianisierung war n\u00e4mlich ein treibender Faktor dieser neuen Raumvorstellung, wie man an den Beschriftungen \u201eSem\u201c, \u201eJafet\u201c und \u201eCham\u201c sehen kann. Diese gehen auf die alttestamentliche V\u00f6lkertafel zur\u00fcck, einer Zusammenstellung der Nachkommen Noahs. Im 9. Kapitel des ersten Buches Mose hei\u00dft es: \u201eDie S\u00f6hne Noahs, die aus dem Kasten (damit ist die Arche gemeint) gingen, sind diese: Sem, Ham und Japheth. Ham aber ist der Vater Kanaans. Das sind die drei S\u00f6hne Noahs, von denen ist alles Land besetzt.\u201c (1. Mose 3, 18) Die drei S\u00f6hne Noahs verbreiteten sich auf die drei Erdteile und wurden zu den Stammv\u00e4tern der dortigen V\u00f6lker. Dieses Kartenmotiv, samt Einteilung der Welt in drei Teile, pr\u00e4gte die europ\u00e4ische Kartographie und das Selbstbild der Europ\u00e4er bis in die Neuzeit. Die 1495, fast 1000 Jahre nach Isidor herausgegebene Schendelsche Weltchronik \u00fcbernimmt genau diese Einteilung, wie wir an den drei S\u00f6hnen Noahs an den R\u00e4ndern der Karte sehen. Der Einfluss dieses Weltkonzeption geht noch weiter: Das Motiv der OT-Karte ist auch auf dem Reichsapfel der r\u00f6misch-deutschen Kaiser zu finden. Dort symbolisierte es den Universalherrschaftsanspruch sowie die \u00fcbernationale Reichsidee der christlichen Herrscher.<br><br>Im weiteren Verlauf der Geschichte wurde dieses Weltbild in Europa immer weiter verfestigt. Zu nennen w\u00e4re einerseits der Aufstieg und die Expansion des Islams, welche eine Trennung zwischen christlichem Abendland und islamischem Morgenland bewirkte. Auch das Fr\u00e4nkische Reich und die Kr\u00f6nung Karls des Gro\u00dfen zum r\u00f6mischen Kaiser zementierten das Bild eines unter dem Christentum vereinten Europas. Die isidorische Wende kennzeichnet den Beginn einer Um- und Neuordnung der Welt nach christlicher Vorstellung. Gleichzeitig tritt das Mittelmeer zugunsten des Festlandes immer weiter in den Hintergrund und wird zur Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr hegemoniale Anspr\u00fcche (vgl. Braudel 1998: S. 386\u2013388). Je fester und greifbarer das Konzept Europas wurde, desto weniger Raum blieb f\u00fcr das Mittelmeer und die zwei anderen Erdteile. In der Neuzeit schlie\u00dflich, verdr\u00e4ngte Europa das Mittelmeer als Zentrum der Welt, wie man an den im 16. Jhd. popul\u00e4ren Kartenmotiv der <em>Europa regina<\/em> erkennen kann (vgl. Abb. 4). Hier wird Europa als junge Frau dargestellt, mit dem Kopf auf der iberischen Halbinsel, dem Oberk\u00f6rper repr\u00e4sentiert durch Frankreich und den beiden Armen in Italien und in Skandinavien. Das Mittelmeer sowie Asien und Afrika spielen hier nur noch eine marginale Rolle.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"256\" height=\"402\" src=\"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/256px-Europe_As_A_Queen_Sebastian_Munster_1570klein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-274\"\/><figcaption>Abbildung 4: <em>Europa regina <\/em>in Sebastian M\u00fcnsters <em>Cosmographia<\/em>, 1570<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Der Paradigmenwechsel bedeutete aber keinesfalls, dass das Wissen um die Mobilit\u00e4t und Transferleistung des Mittelmeers in Vergessenheit geriet, im Gegenteil sogar. Besonders der wirtschaftliche Aspekt gewann in den folgenden Jahrhunderten immer mehr an Bedeutung. Diese \u201eMediterranisierung der Welt\u201c ging Hand in Hand mit der europ\u00e4ischen Expansion. Schrittweise dehnte sich der intensive mediterrane Handel auf andere Teile Europas und schlie\u00dflich der ganzen Welt aus. Die Niederlande beispielsweise etablierten sich zun\u00e4chst als Bindeglied zwischen dem hanseatischen Bund und den Handelsrepubliken des Mittelmeers, was sich als h\u00f6hst profitabel herausstellte. Mit dem Fall Konstantinopels, der den Zugang zur Seidenstra\u00dfe und zum Gew\u00fcrzhandel stark einschr\u00e4nkte, wanden sich die maritimen M\u00e4chte gen Westen, was schlie\u00dflich zur Entdeckung der Neuen Welt und in Konsequenz auch zur Etablierung des atlantischen Dreieckshandels f\u00fchrte. Das Mittelmeer kann also als Geburtsort des internationalen Systems gesehen werden, samt freiem Welthandel und V\u00f6lkerrecht (vgl. Leggewie 2012: S. 4). Das Konzept des modernen Staats entwickelte sich durch die am Mittelmeer beginnende und auf den Weltmeeren vollzogene Globalisierung sowie den Kolonialismus. Neuzeitliche Urbanisierungsmuster lassen sich auf die stark urban gepr\u00e4gten mediterranen K\u00fcstenst\u00e4dte zur\u00fcckf\u00fchren (vgl. ebd. S. 6).<br><br>Nun haben wir die beiden in Opposition stehenden Denktraditionen umrissen: auf der einen Seite steht das Antike Weltbild des Mittelmeers als \u201eMeer in der Mitte\u201c auf der andern die mittelalterliche Deutung als \u201eZwischenmeer\u201c. Es ist jedoch wichtig an dieser Stelle klarzustellen, dass keine dieser Auffassungen je \u00fcberall und von allen anerkannt war, da wir hier haupts\u00e4chlich von europ\u00e4ischen Denktraditionen sprechen. Dies sind lediglich die beiden \u00e4u\u00dfersten Pole einer Skala, und historisch oszillierten die Konzeptionen zwischen ihnen. <br><br>Eine besonders absurde Vorstellung des Mittelmeers liegt dem Projekt <em>Atlantropa<\/em> zugrunde. Als geistiger Vater dieses Megaprojekts gilt der Architekt und Kulturphilosoph Herman S\u00f6rgel. Sein 1928 konzipierter Plan sah vor, an spezifischen Orten, z.B. der Stra\u00dfe von Gibraltar, riesige Staud\u00e4mme zu errichten, die ultimativ das Mittelmeer teilweise trockenlegen sollten (S\u00f6rgel 1929: S. 8). Das so gewonnene Land sollte als Siedlungsraum f\u00fcr die Europ\u00e4er dienen und Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr diese schaffen, die Staud\u00e4mme w\u00fcrden die neuen Siedlungen mit Strom versorgen. Nicht zuletzt war dies auch ein Versuch, nach den katastrophalen Auswirkungen des I. Weltkriegs, weitere kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden und die europ\u00e4ischen Kr\u00e4fte in einem Gro\u00dfprojekt zu vereinen (vgl. dazu: S\u00f6rgel 1932). Dieses Vorhaben war aus vielen Gr\u00fcnden nicht tragbar. Durch die plattentektonischen Bewegungen am Mittelmeer konnte die Stabilit\u00e4t der Staud\u00e4mme nicht garantiert werden, ein Bruch oder ein Tsunami h\u00e4tten verheerende Auswirkungen f\u00fcr die dort lebenden Menschen. Zus\u00e4tzlich w\u00e4re der Lebensraum von tausenden Lebewesen vernichtet worden, ganz zu schweigen von den Klimafolgen, die das Verdampfen einer solchen Menge Wasser mit sich ziehen w\u00fcrde. Auch w\u00e4re der Salzgehalt des neugewonnenen Landes so enorm, dass er praktisch nicht f\u00fcr landwirtschaftliche Zwecke genutzt werden k\u00f6nnte.<br><br>Wir m\u00fcssen schlussendlich feststellen, dass dieser \u201efl\u00fcssige Kontinent\u201c schlicht und ergreifend nicht eingrenzbar ist: weder ethnologisch, national oder historisch. Das ambige Wechselverh\u00e4ltnis des Meeres als scheinbar klar abgrenzbares Gebiet und gleichzeitig Ort der h\u00f6chsten Mobilit\u00e4t, erschwert diese Aufgabe zus\u00e4tzlich. Doch selbst diese Unbestimmtheit und Unbegrenztheit hat den Menschen nicht davon abgehalten, konzeptuelle Grenzziehungen vorzunehmen, ja vielleicht hat sie es sogar beg\u00fcnstigt. Dem Mittelmeer haften Assoziationen mit der \u00d6kumene, Weltmacht, Globalisierung und schlie\u00dflich der europ\u00e4ischen Dominanz an. Nat\u00fcrlich darf auch die Rolle der dortigen Bev\u00f6lkerung nicht au\u00dfer Acht gelassen werden. Die schweizerisch-slowenische Historikerin Desanka Schwara bezeichnet das Mittelmeer als \u201eVerschachtelung von Diasporagemeinschaften\u201c, die eher religi\u00f6sen und gro\u00dffamili\u00e4ren Bindungen folgten, als nationalen Loyalit\u00e4ten. Die Vielzahl an kulturellen, wirtschaftlichen, nationalen, kontinentalen und imperialen Grenzziehungen, die sich bedingen, aufeinander aufbauen oder in Opposition zueinander stehen, wird in einem Raum vereint, was diesen wiederum zu einem sehr hohen Grad semantisiert. Um die Worte des kroatischen Literaturwissenschaftlers Predrag Matvejevi\u0107 zu benutzen: \u201eWeder in Raum noch in Zeit sind seine Grenzen verzeichnet. Wir wissen nicht, wie und auf welcher Grundlage wir sie bestimmen sollten: Sie sind nicht ethnisch und nicht historisch, nicht staatlich und auch nicht national. Der \u201amediterrane Kreidekreis\u2018 wird unabl\u00e4ssig gezeichnet und wieder gel\u00f6scht, Wind und Wellen, Abenteuer und Inspiration erweitern oder verengen ihn nach ihrem Ma\u00df.\u201c (Matvejevi\u0107 1993: S. 17)<br><br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-wide\"\/>\n\n\n\n<p style=\"font-size:18.5px\"><strong>Quellen<\/strong><br>Braudel, Fernand (1990): <em>Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II<\/em>. Frankfurt a. M.<br>Homer: <em>Ilias, Odyssee<\/em>. In der \u00dcbertragung von Johann Heinrich Vo\u00df. 22. Auflage 2004. M\u00fcnchen.<br>Leggewie, Claus (2012): <em>Hafenst\u00e4dte am Mittelmeer: Zwischen Dekadenz, Nostalgie und Erneuerung<\/em>. Online abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.eurozine.com\/hafenstadte-am-mittelmeer\/\">https:\/\/www.eurozine.com\/hafenstadte-am-mittelmeer\/<\/a><br>Matvejevi\u0107, Predrag (1993): <em>Der Mediterran. Raum und Zeit<\/em>. Z\u00fcrich.<br>McLaughlin, Raoul (2014):<em> The Roman Empire and the Indian Ocean. The Ancient World Economy and the Kingdoms of Africa, Arabia and India<\/em>. Barnsley.<br>Roscher, Wilhelm Heinrich (1974): <em>Omphalos<\/em>. Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1913\u20131918. Hildesheim [u.a.].<br>Schadewaldt, Wolfgang (1959): <em>Von Homers Welt und Werk: Aufs\u00e4tze und Auslegungen zur homerischen Frage<\/em>. Stuttgart.<br>S\u00f6rgel, Hermann (1929): <em>Mittelmeer-Senkung. Sahara-Bew\u00e4sserung (Panropa-Projekt)<\/em>. Leipzig.<br>S\u00f6rgel, Hermann (1932): <em>Atlantropa<\/em>. Z\u00fcrich\/M\u00fcnchen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:18.5px\"><strong>Abbildungsverzeichnis <\/strong><br>Abbildung 1: The shield of Achilles according to the description of Homer &#8211; a  hand-colored etching by Quatremere de Quincy, (Antoine-Chrysostome  1755-1849) ca. 1814 Published in <em>The Jupiter Olympian<\/em>, Paris, Didot; gemeinfrei, entnommen <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:The_shield_of_Achilles_according_to_the_description_of_Homere_by_Quatremere_de_Quincy.jpg\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:The_shield_of_Achilles_according_to_the_description_of_Homere_by_Quatremere_de_Quincy.jpg<\/a>.<br>Abbildung 2: Die Weltkarte des Anaximander, entnommen <a href=\"http:\/\/www.myoldmaps.com\/maps-from-antiquity-6200-bc\/108-hecataeus\/\">http:\/\/www.myoldmaps.com\/maps-from-antiquity-6200-bc\/108-hecataeus\/<\/a>. <br>Abbildung 3: T and O style <em>mappa mundi<\/em> (map of the known world) from the first printed version of Isidorus&#8216; <em>Etymologiae<\/em> (Kraus 13). The book was written in 623 and first printed in 1472 at Augsburg by one G\u00fcnther Zainer (Guntherus Ziner)<em>,<\/em> Isidor&#8217;s sketch thus becoming the oldest printed map of the occident; gemeinfrei, entnommen <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:T_and_O_map_Guntherus_Ziner_1472.jpg\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:T_and_O_map_Guntherus_Ziner_1472.jpg<\/a>. <br>Abbildung 4:  Map of Europe as a queen, printed by Sebastian Munster in Basel in 1570; gemeinfrei, entnommen <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Europe_As_A_Queen_Sebastian_Munster_1570.jpg\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Europe_As_A_Queen_Sebastian_Munster_1570.jpg<\/a>.    <br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Patryk Maciejewski (vorgetragen am 25.01.2020 als Teil des Workshops \u201eEin fl\u00fcssiger Kontinent? M\u00e9diteran\u00e9e zwischen Fiktion und Realit\u00e4t. Panel 2: Das Mediterraneum als Grenz- und Kulturraum\u201c) Das Mittelmeer galt schon zu antiken Zeiten als Ort des Transfers von Ideen, G\u00fctern und Kulturen. 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