{"id":355,"date":"2020-01-19T22:49:00","date_gmt":"2020-01-19T21:49:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/?p=355"},"modified":"2020-02-04T22:50:43","modified_gmt":"2020-02-04T21:50:43","slug":"filmkritik-papicha","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/hosting.itz.fak13.lmu.de\/filmimpuls\/2020\/01\/19\/filmkritik-papicha\/","title":{"rendered":"Filmkritik: PAPICHA"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Natascha Herr<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Papicha<\/strong><br>Frankreich | Algerien | Belgien | Katar 2019 | Regie: Mounia Meddour | Spielfilm <\/p>\n\n\n\n<p>Die algerisch-arabische Bezeichnung <em>Papicha<\/em> l\u00e4sst sich im Deutschen nicht einfach mit einem Wort wiedergeben. Sie steht f\u00fcr einen Lebensstil, genauer gesagt f\u00fcr ein Frauenbild \u2013 f\u00fcr junge, moderne M\u00e4dchen, die an ihr Selbstbestimmungsrecht und ihre Freiheit glauben und den Mut haben, diese in einer oftmals feindlich gesinnten Welt auszuleben. <br><br>Mounia Meddours erster Langzeitfilm stellt genau so ein M\u00e4dchen in das Zentrum der Handlung: Nedjma ist 18, studiert und lebt mit ihren Kommilitoninnen in einem Studentinnen-Wohnheim. Sie tr\u00e4umt von einer Karriere als Modedesignerin und schleicht sich nachts mit ihrer Freundin vom Universit\u00e4tscampus, um ihre selbstgen\u00e4hten Kleider in Nachtclubs zu verkaufen. <br><br>Die zum Anfang des Films inszenierte, mitrei\u00dfende Lebensfreude bleibt jedoch nicht lange ungetr\u00fcbt \u2013 \u201ePapicha\u201c spielt im Algerien der 90er-Jahre, ein B\u00fcrgerkrieg ersch\u00fcttert das Land und islamistische Gruppen versuchen mit allen Mitteln, die Macht an sich zu rei\u00dfen. Gerade unabh\u00e4ngige, nicht einzusch\u00fcchternde und \u201efreiz\u00fcgige\u201c Frauen sind den Extremisten ein Dorn im Auge: Poster, die die Verh\u00fcllung von Frauen zur \u201eSittenwahrung\u201c fordern, werden an W\u00e4nde gekleistert, Wohn- und Lehrr\u00e4ume der Universit\u00e4t immer wieder gest\u00fcrmt, um der \u201egelebten Unmoral\u201c ein Ende zu setzen. Nedjma bleibt ihrer Lebensart zun\u00e4chst treu, bis eine Katastrophe ihr Weltbild in seinen Grundfesten ersch\u00fcttert: eine Fanatikerin t\u00f6tet ihre Schwester vor der eigenen Haust\u00fcr. Der Szene, die zum Wendepunkt der Geschichte wird, folgt eine lange Abblende, in der der Zuschauer \u2013 \u00e4hnlich wie Nedjma \u2013 mit dem Schrecken der unvorhersehbaren, gnadenlosen Gewalt allein gelassen wird. <br><br>Nedjmas K\u00e4mpfernatur bleibt von dem Trauma zwar geschw\u00e4rzt, aber nicht gebrochen: sie beschlie\u00dft, trotz aller Risiken und Verbote eine Modenschau mit ihren Entw\u00fcrfen auf dem Universit\u00e4tsgel\u00e4nde auf die Beine zu stellen. Bis zum Tag der angesetzten Pr\u00e4sentation folgt R\u00fcckschlag auf R\u00fcckschlag, Entkr\u00e4ftung auf Entmutigung. Die gezeigten Szenen der fortschreitenden Entrechtung der Frauen, der um sich greifenden Akzeptanz von frauenfeindlichem Gedankengut, von Nedjmas demoralisierendem Kampf und die schiere Aussichtslosigkeit der ganzen Situation wirken nicht nur auf die Heldinnen zerm\u00fcrbend und unendlich frustrierend. Gleichzeitig lassen diese Bilder erahnen, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist und die wahre Eskalation wie eine unheilvolle Gewitterwolke \u00fcber den K\u00f6pfen aller schwebt. Der schockierende Wolkenbruch folgt dann auch auf die erfolgreiche und zun\u00e4chst befreiend wirkende Modenschau: bewaffnete Islamisten fallen auf den Campus ein und schie\u00dfen um sich. Nedjma kann dem hektisch wie qualvoll inszeniertem Blutbad entkommen, muss aber einsehen, dass ihre Lage als freidenkende Frau in Algerien augenscheinlich hoffnungslos geworden ist. Trotz allem l\u00e4sst es sich die Regisseurin nicht nehmen, auf einer hoffnungs<em>vollen<\/em> Note zu enden: n\u00e4mlich mit dem Blick auf eine bessere, gerechtere Zukunft.  <br><br>\u201ePapicha\u201c ist durch seine gnadenlos voranschreitende Geschichte und den Bezug auf reale Ereignisse durchaus als schmerzhafte Erfahrung zu betrachten; dennoch gelingt es Mounia Meddour, den bitteren Nachgeschmack durch die Darstellung unbegreiflich starker Frauen, die Kraft und unersch\u00f6pflichen Lebenswillen aus sich selbst und ihrer gemeinsamen Freundschaft ziehen, abzumildern. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Natascha Herr PapichaFrankreich | Algerien | Belgien | Katar 2019 | Regie: Mounia Meddour | Spielfilm Die algerisch-arabische Bezeichnung Papicha l\u00e4sst sich im Deutschen nicht einfach mit einem Wort wiedergeben. 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